Leben für Andere?
Stell dir vor, dein gesamtes Leben, all deine Taten, deine Erlebnisse, deine Erkenntnisse waren bzw. sind alle exklusiv nur für dich.
Sie werden erlebt, wahrgenommen, beobachtet und interpretiert. Doch sie bleiben einzig und allein bei dir und erreichen keine andere Seele.
Sie bleiben Teile deiner Erinnerung, Bausteine deines Selbst. Kein Mensch bekommt Wind davon und du fragst dich vielleicht „wofür und für wen würde ich denn schließlich leben?“.
Dies ist offensichtlich eine unrealistische Extreme, die, mit Ausnahme ganz weniger Eremiten dieser Erde, auf keinen Menschen jemals zutreffen wird. Doch es hilft eventuell, so manches Handeln oder so manche Gedanken zu hinterfragen, besonders in Zeiten, in denen man mehr oder minder allein mit sich ist.
Wir Menschen sind soziale Wesen und in dem Kontakt und Umgang mit unseren Mitmenschen geben wir ständig und unabdinglich etwas von uns mit und ich gehe stark davon aus, dass uns das auch guttut bzw. die Meisten von uns auch brauchen. Nicht nur für sich, sondern durchaus auch für Andere zu leben, stets das Beste von sich weiterzugeben, so wie Anteile unserer Energie anderen zu schenken, in denen man ihnen in irgendeiner Weise hilft, sie positiv bereichert.
Wie so oft, kommt auch die nötige Balance ins Spiel, die Balance zwischen dem Leben für sich und dem Leben für andere. Beide Richtungen können toxisch enden, stumpfer Egoismus oder selbst verzehrender Altruismus.
Und dann gibt es da noch diese diffuse Zwischenwelt. Dieses besonders in der modernen Welt vorhandene Bedürfnis, seine Taten, Erkenntnisse und Errungenschaften zu jeder Zeit und von jedem erdenklichen Ort dieser Erde aus mit anderen zu teilen, während es damals üblich war – wenn überhaupt – in einer geselligen Runde von den Erlebnissen der letzten Tage, Wochen oder gar Monate zu berichten. Diese Zwischenwelt empfinde ich deshalb als spannend, da viele Handlungen des Teilens in meinen Augen nur unter dem Deckmantel von Altruismus ablaufen und schlussendlich eine Form von Profilierung darstellen. Es ist also spannend zu differenzieren, wann wir tatsächlich aus altruistischer Intention heraus etwas mit anderen teilen, und wann sich unbewusst andere Motive einschleusen, wie z.B. der Drang, dem Puls der Zeit gerecht zu werden, oder die Kompensation des aufwühlenden Allein-Seins.
Es herrscht demnach ein fieser Teufelskreis, der sich in unserer modernen Welt manifestiert hat. Menschen haben sich daran gewöhnt, sich in einer besonders reizvollen Weise digital zu präsentieren, sei es schlicht inmitten einer schönen Umgebung, sei es ein abenteuerliches Unterfangen oder ein romantischer Liebesbeweis.
Daraufhin entwickelt sich in anderen, die diese Präsentationen ständig beobachten, das Gefühl, in puncto ereignisreiche Tage, akuter Aufenthaltsort oder romantischer Liebe nicht mithalten zu können. Daraus resultiert wiederum das Bedürfnis, bei der nächsten etwas tollen Gelegenheit sich ebenfalls zu präsentieren, wenn auch bereits etwas gezwungener bzw. unauthentischer. Es entsteht ein unangenehmer Wettlauf, Menschen tun Dinge, die sie ohne diesen kompetitiven Druck womöglich gar nicht getan hätten. Und in den Momenten, in denen sie wirklich begeistert und ihrem inneren Interesse entsprechend etwas erleben, geschieht dies nicht mal in vollen Zügen, da sie derart damit beschäftigt sind, wie und wann sie dieses Erlebnis möglichst reizvoll teilen können.
Hinzu kommt, dass eine Art ‚verklärte‘ Realität entsteht, wenn ausnahmslos positive Dinge preisgegeben werden, wie z.B. das zwanzigste Partner-Selfie an ein und demselben Tag, während spätestens beim Fünften die Intensität an aufgesetztem Lächeln nicht mehr überboten werden kann. Manchmal ist es mir ein Rätsel, wie so manchen Leuten das offenbar nicht einmal auffällt, wenn das Gesicht bereits Falten an den Stellen aufweist, an denen regelmäßig die Wangen hoch gepresst werden. Als ich neulich nach einer Multipitch den Gipfel des Penyal d’Ifacl erreichte, meinte mein Partner, wir sollten uns mal noch kurz das Aussichtsplateau anschauen. Man hatte Aussicht auf diese brettspielartige Stadt, die zwar besonders klein ist aber irrwitziger Weise aus lauter Hochhäuser besteht. Man hatte den Eindruck, man könne sich so ein Wolkenkratzer schnappen und mal zwei Blöcke weiter platzieren. Nun, ansonsten relativ unspektakulär. Jedenfalls war noch eine kleine Familie vor Ort, die den Weg hochgewandert kamen. Es war witzig zu beobachten, wie sie sich, kaum angekommen, in drei Richtungen separiert haben und allesamt Selfies von sich machten. Nicht nur eins, reihenweise, aus allen denkbaren Perspektiven. Kurz danach sind sie auch wieder runter. Ich will und kann sie dafür nicht verurteilen, sie sind eben Teil dieser Zeit, aber es scheint mir, sobald man das mal von Außen beobachtet, wirklich absurd.
Wir erleben also teilweise gar nicht mehr das, was gerade passiert und machen sich in vielen Fällen sogar unauthentisch. Doch es fällt uns kaum auf, da man selber so drin steckt.
Es gibt da natürlich wie immer unterschiedlich stark ausgeprägte Fälle. Ich bin froh, dass in meinem Freundeskreis dahingehend ein sehr moderat ausgeprägtes Verhalten herrscht, das liegt eventuell aber auch daran, dass wir nicht mehr zur jüngsten Generation gehören.
Ich merke, dass es dennoch nötig ist, sich bezüglich dieser Thematik mir immer wieder auch an die eigene Nase zu fassen und zu reflektieren, was ich teile, wie ich teile und warum.
Seit geraumer Zeit bereits kritisiere ich die Facetten von Plattformen wie Instagram, Tik-Tok oder – damals noch – Facebook, brüste mich damit, seit langem bereits auf solche Plattformen entspannt verzichten zu können, doch realisiere nun, dass ich doch auch mehr in dieser Thematik stecke, als mir ursprünglich bewusst war. Dabei genügt bereits die Verwendung von Whatsapp, um den Drang nach Selbstdarstellung nachzugehen. Sicherlich ist nicht alles reine Selbstdarstellung; Ich hoffe mal, dass wenn ich diesen Text veröffentlichen sollte, der ein oder die andere darin eine kleine Bereicherung sehen könnte. Doch was will ich z.B. bezwecken, wenn ich verschiedenen Leuten ein Video vom Meer sende? Alle haben im Leben mal das Meer gesehen. Alle kennen auch die Sonne. In dem Moment, wo ich verkünde nach Spanien zu reisen, kann man davon ausgehen, dass ich früher oder später am Meer und in der Sonne landen werde.
Ich bin mal wieder stolz auf diese Entscheidung, das ist auch ok schätze ich, doch woher rührt der Drang, dies zu präsentieren?
Ich finde es faszinierend, was da so alles hier und da in meinem Kopf stattfindet, wenn ich etwas Schönes erlebe. Hier ein Foto vom Meer, da ein Video vom Camp, wem schicke ich dies, mit wem würde ich dies gerade gerne teilen, wer sollte davon unbedingt mitbekommen und so weiter und so fort. Ich lade dich dazu ein, auch mal hier und da von außen drauf zu schauen, wenn du eine schöne, vielleicht sogar einzigartige Erfahrung machst.
Die Realisierung dieser internen Prozesse lassen mich wiederum schnell zur Ruhe kommen und den Moment einfach mal einen Moment für mich sein. Wenn er mir auch derart besonders vorkommt, so ist es völlig legitim, dass er just ein Teil meiner Erinnerung, oder wie eingangs beschrieben ein weiterer, wertvoller Baustein meiner Persönlichkeit bleiben darf.
Wenn es auch gang und gäbe ist, dass man sich Dinge hin- und herschickt, just im Geschehen etwas zu teilen vermag oder sich regelmäßig updaten will, so kann dies auch ganz schön viel unbewussten Stress erzeugen.
Analog dazu verhält sich der Drang, überall zahlreiche Bilder machen zu müssen. Man hat Angst, dass dieser Moment, diese Szenerie, einzig festgehalten in Form einer Erinnerung, nicht genügt bzw. nicht dem Puls der Zeit gerecht werden kann. Wir sollten demnach vielleicht mehr Fokus auf die Bausteine richten.
Jedes Ereignis, das uns bewegt, berührt, bezaubert oder in sonst irgendeiner Form einfängt, prägt schließlich auch unser Charakter, unser gesamtes Wesen und wird sich, früher oder später, auch bezahlt machen.
Besonders wenn wir allein unterwegs sind, könnten wir immer wieder annehmen, dass es hier ausschließlich um Uns geht und kein Mensch davon etwas mitbekommen wird. Doch gerade in diesen Momenten reifen wir auf einzigartiger Weise und es wäre kontraproduktiv, wenn wir diese Prozesse dahingehend ständig unterbrechen, in dem wir uns ausmalen, wer, und in welcher Form daran unmittelbar teilhaben sollte.
Irgendwo ist es ja auch verständlich, das man Erlebnisse teilt, in dem man sich Geschichten erzählt, Bilder zeigt oder Berichte abgibt. Es wäre beispielsweise sicherlich für den Großteil an Spitzenathleten nicht einfach, wenn sie jahrelang für etwas hintrainieren würden, dessen Erfolg am Ende der gesamten Welt enthalten bliebe. Genau so wird ein ulkiges Unterfangen zu einer Anekdote, die eines Abends in geselliger Runde zum Besten gegeben wird und damit einige Leute zum Lachen anregt. Es dreht sich also mal wieder um das Geben/Nehmen-Verhältnis, einer meiner Lieblingsthemen.
Worüber man folglich reflektieren kann ist der richtige Zeitpunkt. Inwiefern eben nicht alles möglichst zeitnah, oder auch mit möglichst großer Reichweite geteilt werden muss. Darüber hinaus schadet es nicht, sich immer mal wieder die Frage zu stellen, was man gerade bezwecken will, wenn man den Drang verspürt, ein Geschehnis zu teilen. Hat es denn tatsächlich Nährwert, regt es die Zielperson denn zum Denken, zum Lachen oder zum Weinen an? Oder ist es bloß verkappte Profilierung oder der stumpfe Schrei nach Aufmerksamkeit?
Falls sich in dem Moment ehrlicherweise Letzteres herauskristallisiert, spart man sich vielleicht besser diesen Atem, richtet den Fokus wieder auf das Erlebnis und genießt dankbar, ungestört und stillschweigend die Vielfalt und Schönheit des Lebens.