„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ -Nietzsche

Durch Musik wird etwas in die Welt getragen, das uns berühren soll. 

So trägt zum Einen der Mensch, der gerade musiziert, eine Botschaft, ein Gefühl nach außen. Andere wiederum fühlen sich entweder zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Art angesprochen und abgeholt, oder eben überhaupt nicht. Jeder Mensch spielt eine entscheidende Rolle innerhalb dieser Maschinerie, sowohl Menschen, die Musik produzieren, als auch solche, die diese Musik empfangen.

Alle haben ihre persönlichen Vorlieben. Die einen schaffen lieber Beats, die anderen sind in Trommelkreisen aktiv. Manche Menschen verschreiben sich der Harfe, andere spielen leidenschaftlich Didgeridoo. Während Letztere sich vielleicht niemals vorstellen könnten, mit den Fingern an irgendwelchen Saiten zu zupfen, so fragt sich vielleicht ein Harfenmensch, wie man denn Befriedigung darin finden kann, kontinuierlich in irgendetwas hineinblasen zu müssen. Mich fasziniert bereits der Gedanke, aus welchem Motiv heraus, auf welcher Grundlage sich diese Präferenzen bilden, die doch so wahnsinnig vielfältig und unterschiedlich sind. 

Für mich haben sich im Leben drei Instrumente herauskristallisiert, die sich bis heute wacker halten. Da ich vom Temperament her ein Luftikus bin, habe ich keines davon ansatzweise gemeistert, jedes Einzelne besitzt jedoch seine ganz eigenen Vorzüge, die ich unabhängig voneinander genieße. 

Das Klavier, um damit zu beginnen, ist für mich mein Instrument der freien Entfaltung. Ich bespiele es am liebsten Alleine, oder vielleicht mal in einer wirklich kleinen Runde. Es bedeutet für mich Entfaltung von Gefühlen, Verarbeitung seelischer Zuständen, sowie das Schaffen eines Ambientes, einer Gelegenheit für andere, mal auszusteigen und gleichzeitig einzutauchen.

Als ich mit 6 Jahren mit dem Klavierspielen anfing, verfolgte ich zunächst den klassischen Weg. Ich erhielt Unterricht von meinem Vater, und neben der Musiktheorie galt es Noten zu lesen, Stücke zu lernen und folglich zu üben, üben, üben. Ich muss an dieser Stelle vermerken, dass ich heute darüber sehr dankbar bin, wenn ich auch in meiner Erinnerung nie gänzlich motiviert war, vor allem was das tägliche Üben anbelangte. Gegen Ende wurde es für meine Eltern teilweise zur Qual mich ans Klavier zu setzen, während ich jammernd und beleidigt der Unterrichtseinheit zu trotzen versuchte. Dabei war es nicht viel, was sie verlangten, gerade mal 20 Minuten, die letztlich mit einer „Piepsuhr“ – wie wir sie nannten –  gestoppt wurden. Irgendwann schien es nur noch sinnlos, mein Vater war traurig darüber, was ich heute gut verstehen kann. Man möge nun zurückblicken und sich fragen: „Was wäre ich heute in der Lage zu spielen, wenn ich drangeblieben wäre?“ Ja, vielleicht könnte ich den dritten Satz der Mondscheinsonate spielen, was durchaus sehr beeindruckend für Zuhörer sein mag. Doch die Frage, was ich denn sein könnte juckt mich tatsächlich gänzlich wenig, denn jede Entscheidung war und ist Teil meines natürlichen Werdegangs, stets geleitet von einer überzeugenden, starken Stimme, die in mir spricht und keinen Platz für Rationalität lässt. So kam nach dem Klavier – beflügelt durch die Pubertät – das Schlagzeug, nach dem Schlagzeug kam – aufgrund mangelnder, melodischer Eigenschaften – die Gitarre ins Spiel. Und einige Jahre später setzte ich mich wieder an den Flügel Zuhause und näherte mich von ganz neuer Seite dem Instrument. 

Inspiration und Ausgangspunkt war insbesondere Keith Jarrett. Ich erinnere mich noch gut daran, als mir mein Vater die CD vom berühmten Köln-Konzert überreichte. Es wurde für eine Weile zum Ritual, jeden Abend vor dem Schlafengehen diese CD aufzulegen und zu der Aufzeichnung jenes legendären Konzertes einzuschlafen. Immer wieder berührten mich die Titel aufs Neue. Dieser Mensch sprach an jenem Tag eine eigene Sprache, es schien, als sei seine Kreativität von außen gefüttert, als diente er wie eine Art Dolmetscher zwischen kosmischen Botschaften und irdischem Leben. Das Ganze wird auf nahezu verstörende Weise untermalt, wenn man sich seine Bewegungen, die skurrilen, teils gequälten Gesichtsausdrücke anschaut, denen er nicht mehr Herr zu sein schien, sobald die ersten Sekunden des Konzertes anbrachen. 

Gepackt von dieser Hingabe, fand ich einen Weg in die Improvisation. Ein Zusammenspiel aus Fühlen und Hören. Dem Gefühl folgt ein Klang. Dem Klang wiederum ein Gefühl. Ich höre hin und schaue, was der Klang mit mir macht. Jede einzelne Taste, jeder Akkord, jede noch so disharmonische Abfolge und schräge Tastenkombination. Daraufhin reagiere ich mit weiteren Klängen, bis irgendeine Stimme in mir sagt: „genug“.

Ich kann mir gut vorstellen, dass so manche Passagen auch schlichtweg wirr und unharmonisch klingen, in den Momenten fühlte ich mich vermutlich auch genau so, oder der Kopf hat versehentlich das Ruder übernommen. Denn mehrmals machte ich bereits die spannende Erfahrung, dass es nur gut werden kann, wenn ich zum einen wirklich inspiriert bin, und ich es obendrein auch schaffe, rein dem Gefühl zu folgen. Wenn ich mich regelrecht verliere in den Klängen, bei gedämpftem Licht und am besten, wenn niemand zu Hause ist. 

Sobald mein Kopf sich versucht einzuschalten, sobald ich ins kompositionelle gerate, ich versuche, irgendwelchen Strukturen zu folgen, irgendwelchen Schemata, dann wird es in aller Regel schlecht.

Es erinnert mich stark an das Plastizieren in meiner damaligen Hochschule. Immer wieder wurde uns gesagt, wir sollen nicht kompositionell werden, wir müssen stets fühlen. Wie sieht der Tonklumpen aus? Ist hier was zu viel, oder da etwas zu wenig? Wenn wir beispielsweise versuchen, eine Schüssel zu formen, wird es schwierig. Das müsste man gezielt lernen. Die Kunst ist es, gar nicht zu wissen, was wir gerade erschaffen, wir dürfen uns nicht an unseren Kopf wenden, wir müssen einfach fühlend mit dem Medium interagieren. 

Das Ergebnis in jenem Plastizierunterricht waren 24 verschiedene Exemplare aus Ton, die alle binnen zwei Wochen langsam und ohne jegliche Anleitung oder Ziel gewachsen und gedeiht sind, und die allesamt nicht im Geringsten miteinander ähnelten. Alle waren irgendwie lebendig und fließend, alle waren undefinierbar und schön zugleich. 

Das hatte mich damals sehr inspiriert und ich sehe genau darin auch das Wesentliche, was den Menschen ausmacht. Wir sind fühlende Wesen, und es gibt Möglichkeiten, diesem Fühlen Ausdruck zu verleihen. Und demnach kann es theoretisch jeder einzelne Mensch. Nur ist es gar nicht mal so einfach, Dinge nicht zu zerdenken, rein im Gefühl zu bleiben, denn unser Geist verlangt stets Struktur, Antworten, Ergebnisse, Erklärungen und Interpretationen. 

Neben dem Klavier ist die Gitarre für mich von etwas anderer Natur. Zunächst einmal kommt sie nie alleine, sie ist stets begleitet von meinem Gesang. Hier habe ich nun die Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen, wahrhaftig in einer Sprache, die Menschen definitiv verstehen. Es ist wesentlich kompositioneller aufgebaut, aber das ist auch gut so. Zwar werden auch in aller Regel Gefühle zum Ausdruck gebracht, jedoch wesentlich durchdachter und mit zielgerichteter Botschaft. 

Um das ganze abzurunden, gibt es noch das Schlagzeug, was auch heute noch einen gewissen Stellenwert für mich hat. Nur ungern spiele ich alleine, dafür ist es das Instrument, mit dem ich am besten teilhaben kann. In einer Runde aus Musizierenden sitze ich gerne am Schlagzeug und sobald die Gitarre, der Bass oder der Gesang ins Rollen kommt, beginne ich zu Fühlen, es entsteht ein Raum, der auch wieder einzigartig auf seine Art ist. Hier entsteht – im Idealfall – ein abgestimmtes Zusammenspiel aus Inspirationen, Klängen und schlichtweg Bock. Oh ja, wie sehr ich doch hier und da die Jamsessions in den kleinen, abgeranzten Proberäumen feierte …

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Hiermit folgt mein Beitrag als Musiker. Manchen mag es gefallen, anderen nicht. Manche fühlen sich abgeholt, andere könnten davonlaufen. So ist das mit der Musik.  

Jeder Titel ist auf der Plattform abspielbar, und wer Lust hat, kann ihn sich auch auf die eigene Platte ziehen. Für die Klavierstücke empfehle ich, sich etwas Zeit zu nehmen, am besten irgendwo, wo man in Ruhe herumliegen kann.

Wie auch bei den Texten, freue ich mich stets über Feedback. Dazu mehr in der Rubrik „Über die Nähstube“. 🙂